Es lässt sich nicht alles in Worte fassen…

IIn jede Seele sich das Leben niederschreibt, für niemanden lesbar und doch verewigt. saemulanz

"Der Herbsthimmel" acht Erzählungen. 

Fräulein Leuenberger

 Heute ist Frauentag. Der Tag von Fräulein Leuenberger. Der Kioskverkäuferin im Quartier. «Guten Tag, Frau Leuenberger.» «Fräulein Leuenberger», echote es zwischen den geöffneten Scheiben der Kioskfront im Parterre des Blocks. Sie war Fräulein Leuenberger, sie blieb Fräulein Leuenberger, obwohl sie schon über sechzig war. Sie war stolz, Fräulein Leuenberger zu sein. Sie war alleinerziehende Mutter. Hatte eine Tochter. Eine Fräulein Leuenberger. – «Guten Morgen, Frau Leuenberger.» «Fräulein Leuenberger.» Tag für Tag wiederholte sich dieses Spiel mit der Anrede… 

ISBN 978-3-347-29061-7 (Hardcover)



"Im Übrigen…" Blablaphorismen 1

Demut ist keine Tugend der Mächtigen, lehrt uns Cäsar.

Es lässt sich nicht alles denken, beschwert sich das Gehirn.

Schönreden macht eine schlechte Sache auch nicht besser, ermahnt der Richter den Verteidiger…

ISBN 978-3-347-29222-2 (Paperback)

"Ach, übrigens…" Blablaphorismen 2

…ein goldener Käfig bleibt ein Käfig.
…am Anfang ist selten etwas vollendet.
…wer sagt, dass er lügt, sagt meistens die Wahrheit.
ISBN 978-3-347-30205-1

Kurz und bündig

52 Antworten von saemulanz

Was ist Kunst? Die Kunst umfasst für mich alle gestalterischen, kreativen Aktivitäten, (bildende Kunst, Literatur, Musik, Film Fotografie, Theater, Tanz) die keinen Sinn brauchen, die mich in der alltäglichen Auseinandersetzung dem Geheimnisvollen des Lebens, der Wahrheit, der Schönheit, der Liebe und der Gerechtigkeit etwas näherbringen können.

Wann ist Kunst in ihr Leben getreten? Ich beschränke mich auf die Bildende Kunst. Dabei erinnere ich mich an den Pointilisten George Seurat, der uns von Frau Hohler, der Mutter von Franz Hohler, in der vierten Klasse vorgestellt wurde. Wir sollten in seinem Stil einen Apfelbaum malen. Mein Bild war so gelungen, dass mich  Frau Hohler fragte, ob ich ihr das Bild schenken würde.  

Was fasziniert Sie an der Bildenden Kunst? Sie macht uns Unsichtbares sichtbar.

Womit setzen Sie sich in Ihren Kunstwerken auseinander? Mit dem Sichtbarmachen der Ästhetik des Unscheinbaren des Alltäglichen. Den verwelkten Pflanzen, den zerfallen Mauern, der Archeologie der Gegenwart zum Beispiel.

Wie würden Sie ihre Kunst beschreiben? Sie ist ein Wahrnehmungsprozess, den ich zu veranschaulichen versuche.

Wie verläuft Ihre Künstlerische Laufbahn? Sie beginnt jetzt erst recht.

Welchen Stellenwert hat das Medium Fotografie in der Kunst? Im Zeitalter der Digitalisierung ist sie omnipräsent. Dennoch ist es wie mit allem in der Kunst, es braucht viel Kraft, um die Akzeptanz zu schaffen.

Wie stehen Sie zum Verhältnis Prozess und Produkt? Der Weg ist unabdingbar für das Werk. Die Reduktion auf die Visualisierung eines Zustandes, ist meist das Festhalten eines Augenblicks innerhalb eines Prozesses, der durchaus einen Platz an einer Wand oder im Raum finden darf.

Was haben Sie für ein Verhältnis zum Kunstmarkt? Er hilft den Kunstschaffenden zu überleben. Ich bin froh, wenn ich das den Galerien überlassen kann.

Wie beurteilen Sie die Kunstförderung? Es könnte mehr getan werden.

Was hätten Sie für konkrete Vorschläge? Mehr Atelierräume zu günstigen Konditionen. Mehr Ausstellungsmöglichkeiten für Begegnungen und Diskussionen über Werk und Prozess, neben Galerien und Museen.

Welche sind für Sie die grössten Widerstände bei ihrem Schaffen? Meine Selbstzweifel.

Wie setzen Sie Ihren Weg fort? Indem ich mich tagtäglich neuen Herausforderungen stelle und mich mit Menschen über meinen Weg austausche.

Welches Kunstwerk hat Sie am meisten geprägt? Eine Natura Morte (1956) von Giorgio Morandi.  

Wer sind Ihre Vorbilder? Morandi, Cezanne, Rothko, Turner, Böcklin, Giacometti, Kohlwitz, Teuber Arp, Tuggener, Cartier-Bresson, Richter, Oppenheim…

Was haben Sie für eine Beziehung zur Digitalisierung? Sie ist eine Technologie eine Innovation vergleichbar mit dem Buchdruck. Sie erleichtert mir den Zugang zu Recherchen, die Realisation von Projekten.

Welche Grenzen lotet für Sie die Kunst aus? Die Grenze zwischen Wissenschaft und Kunst. Zwischen Materie und Transzendenz. Zwischen haben und sein.  

Welche Prinzipien gibt es für Kunstschaffende? Prinzipien immer wieder zu verwerfen.

Welche Rolle spielt die Kunst in der Gesellschaft? Die Kunst ist sehr elitär positioniert. Es tut Not mehr Menschen für die Auseinandersetzung mit der Kunst zu sensibilisieren. Sie könnte anregend sein, um aktuelle Krisen anzugehen und neue Ansätze für die Bewältigung zu finden.

Wie kann die Kunst die Welt retten? Sie nimmt nichts als gegeben an. Sie gibt Impulse für Veränderungen insbesondere auch der Wertsysteme. Sie schafft Utopien, sprengt Grenzen, peilt Unmögliches an.

Wo möchten Sie leben? Im hier und jetzt.

Was ist für Sie das vollkommene irdische Glück? Die Freiheit.

Welche Fehler entschuldigen Sie am ehesten? Die Ersten.

Ihre liebsten Romanhelden? Der junge Werther des Ulrich Plenzdorf.

Ihre Lieblingsgestalt in der Geschichte? Che Guevara.

Ihre Lieblingsheldinnen/-helden in der Wirklichkeit? Die Strassenkehrer, die Mühlmänner, die Pflege Fachmenschen, die Fachmenschen Betreuung.  

Ihr Lieblingsmaler? Giorgio Morandi.

Ihr Lieblingskulpteur/künstler? Alberto Giacometti.

Ihr Lieblingskomponist? Miles Devis (jz), Mozart (kl), Prince (pop), Fabrizio di Andre (cantautore), Zaz (chanson)

Welche Eigenschaften schätzen sie bei einer Frau am meisten? Ihre Weiblichkeit.

Welche Eigenschaften schätzen sie bei einem Mann am meisten? Seine Weiblichkeit.

Ihre Lieblingstugend? Die Gerechtigkeit.

Ihre Lieblingsbeschäftigung?  Denken.

Wer oder was hätten Sie gern sein mögen? Ich bin mit mir zufrieden.

Ihr Hauptcharakterzug? Lebensfreude. Das Prinzip Hoffnung.

Was schätzen Sie bei Ihren Freunden am meisten? Das Verständnis, das Sie für mich aufbringen.

Ihr größter Fehler? Meine Selbstzweifel.

Ihr Traum vom Glück? Ich träume nicht davon, ich lebe es.

Was wäre für Sie das größte Unglück? Der Tod, der Verlust eines jüngeren geliebten Menschen.

Was möchten Sie sein? Der ich bin.

Ihre Lieblingsfarbe? Der Regenbogen.

Ihre Lieblingsblume? Die Distel.

Ihr Lieblingsvogel? Der Pirol.

Ihr Lieblingsschriftsteller? Alfred Döblin (Berlin Alexander Platz).

Ihr LieblingslyrikerIn? Ingeborg Bachmann (Reklame).

Ihre Heldinnen/Helden in der Geschichte? Anne Frank, Sophie Scholl, Victor Jara, Thomas Münzer.

Ihre Lieblingsnamen? Samuel, Sophie

Was verabscheuen sie am meisten? Gewalt, vor allem an Kindern und Frauen.

Welche geschichtlichen Gestalten verabscheuen Sie am meisten? Alle Fachisten, Mussolini, Hitler, Franco, Pinochet…

Welche Reformen bewundern Sie am meisten? Die Menschenrechte von 1948. Die Bildungsreformen von 1968, auch wenn sie noch nicht stattgefunden haben.

Welche natürliche Gabe möchten Sie besitzen? Ich möchte zeichnen können, wie ich sehe, singen können wie eine Nachtigall, tanzen können wie ein Leierschwanz…

Welche Persönlichkeit möchten Sie gerne treffen? Den Uno Generalsekretär.

 

Die Bekannten Unbekannten

Drei Geschichten


Ist das eine Geschichte?

Es war kalt. Er ging in den Hof und fror. Er heisse Max, sagte man. Max wohnte im dritten Stock. Allein. Er trug keine Schuhe. Nur eine löchrige Hose und ein lumpiges Hemd. Es war Winter. Ein harter Winter in der Hauptstadt. In der Hauptstadt mit den meisten Innenhöfen. Blockrandbauten, welche die Mauer überlebt hatten. Max hatte sie auch überlebt, die Mauer. Jetzt war der Osten im Westen, er immer noch auf der Flucht. Auf der Flucht nach dem Nötigsten. Nach Schuhen, nach einer Jacke, nach einer Mütze, nach dem täglichen Brot. Er hatte die Flucht noch nicht geschafft. Zwar war er im dritten Stock untergekommen. Ein Zimmer hatte leer gestanden. Der Rest des Hauses war besetzt, von denen die nichts haben oder nur das Nötigste. Das Max fehlte. Max stand im Hof und fror. Es war kalt. In der Wohnung hätte er wenigstens eine Decke, mit der er sich wärmen könnte. Diese Vorstellung brachte ihn zurück in den dritten Stock. Heute würde es wohl nichts mit Schuhen, einer Jacke gar einer Mütze vielleicht. – Und dem Essen? Max kroch unter die Decke. Schlief ein. Träumte von einer warmen Mahlzeit und wurde satt. Am Morgen lag er da, steif, die Decke hatte ihren Zweck versagt. Es war seine letzte Nacht. Seine Flucht nach dem Nötigsten hatte ihm den Frieden gebracht. Er heisse Max, wohne im dritten Stock, sagten die Anwohner dem Bestatter. Keine Verwandten, keine Freunde niemand den man benachrichtigen müsste, sagten sie. Max ruht auf dem Dorotheenstädtisch- Friedrichswerderscher Friedhof im  Gemeinschaftsgrab bei den Bekannten Unbekannten. – Erfroren. Verhungert, auf dem Weg zum Wohlstand auf der Strecke geblieben.

 

Entschuldigung

«Keine Zeit». Er habe eine Besprechung und sei ohnehin schon spät.

«Bitte».

«Nein. Keine Zeit».

«Nur eine Frage».

«Nein. Vielleicht ein andermal».  Er zog den schwarzen, breitrandigen Hut in die Stirn, schlug den Kragen des beigen Trenchcoats hoch, der im kalten Morgenwind um seine Beine flatterte, klemmte die Aktenmappe unter den rechten Arm und stabte davon auf der  Strasse Richtung Schönhauser-Allee.

«Nur eine Frage, bitte».

«Was soll das? Lass mich». Angewidert wendete sich die junge Frau in einem pinken grellfarbigen Faserpelz und den schwarzen Netzstrümpfen in grünen Stiefeln von ihm ab. «Stalker».

«Bitte. Kennen Sie mich? Wissen Sie wer ich bin?», fragte der Mittevierziger den nächsten Passanten. Unter der schwarzen Daunenjacke lugten blaugrau gestreifte  Pyjamahosen hervor. Die Füsse steckten in pelzigen grauen Hausschuhen.

«Lassen sie mich».

«Wer bin ich? Kennen sie mich?» Versucht er es verzweifelt weiter.

Stumm gingen mehrere Personen an ihm vorbei. Niemand nahm von ihm Kenntnis. Sein zielloser Weg brachte ihn zu einer Tramhaltestelle. Vielleicht hatte er dort mehr Glück. Er setzte sich auf die Bank und beobachtet den Morgenverkehr. Ein älterer Herr mit einem schwarzen Stock mit einem schlichten silbernen Knauf setzte sich zu ihm.

«Ich weiss nicht wer ich bin». Machte der Mittevierziger mit der Daunenjacke und der Pyjamahose einen erneuten Versuch. Ob er ihn kenne, fragte er den Alten. Nein. Nicht dass er wüsste, war die Antwort. Wie er das meine, dass er nicht wisse, wer er sei. Es sei wie er es sage. Er kenne sich nicht. Warum er sich nicht kenne? Er wisse es nicht. Er müsse doch einen Namen haben. Eigentlich schon. Doch er könne sich nicht an seinen Namen erinnern. Der Alte liess den Verirrten zurück.

«Wer kennt diesen Mann?», stand in einer fetten Schrift auf der Titelseite der Bild. Darunter die Fotografie eines verwahrlosten Mittevierzigers mit einer schwarzen Daunenjacke und blaugraugestreiften Pyjamahosen auf der Bank einer Tramhaltestelle. Eine Aufforderung. Sachdienliche Mitteilungen an die nächste Polizeistelle.

Niemand meldete sich – niemand wollte ihn gesehen haben. Niemand schien ihn zu kennen, zu vermissen. Der Kiez trauerte um einen Unbekannten Bekannten. Zuhause im Block im zweiten Stock, unweit der Bushaltestelle wartete eine getigerte Katze auf ihr Futter.

 

Der Lumpensammler

Meistens am Vorabend der wöchentlichen Kehrichtabfuhr kreuzte er auf. Hinter vorgehaltener Hand riefen die Kinder "Lumpensammler" und folgten ihm mit grösserem Abstand. Sie fürchteten ihn. Er trug dunkle Kleidung, schwarze Lederstiefel, eine Schirmmütze, hatte ein furchiges unrasiertes Gesicht. Keiner wusste, wo er wohnte, einzig, dass er regelmässig vor der Kehrichtabfuhr und vor allem bei der Entsorgung des Sperrgutes in der Strasse auftauchte, war jedem bekannt. Er hatte ein leinenes Tuch an einen einachsigen Anhänger geknüpft, hängte es über die linke Schulter ein und zog den mit Abfällen beladenen Anhänger hinter sich her. Seinem Blick entging nichts. Immer wieder fand er etwas, das es Wert war, dass er es auf seinen Anhänger packte. Sobald er den Wagen zog, wagten sich die Kinder etwas näher und schrien etwas lauter "Lumpensammler". Das beirrte ihn nicht. In seinem dunklen furchigen unrasierten Gesicht zeigte sich keine Regung. Am Ende der Strasse überliessen die Kinder den Lumpensammler seinem Schicksal und freuten sich bereits auf die kommende Woche, um ihn wieder verfolgen und hänseln zu können. – Er kam nicht.

An den Mittagstischen im Quartier rätselte man, was wohl vorgefallen war. Es sei verunfallt, verstorben wurde gemunkelt. – Wochen später erfuhr man in der Zeitung vom "Lumpensammler", der testamentarisch eine beachtliche Erbschaft an das regionale Blindenheim vermacht hatte. Er sei zuhause 84-jährig im Dorf westlich der Stadt friedlich eingeschlafen.  

 

Stammtisch

Der Bauer zum Dichter. Taten statt Worte. Worauf der Dichter zur Feder griff. Worte statt Taten schrieb. Worauf der Bauer schwieg.