Es lässt sich nicht alles in Worte fassen…

IIn jede Seele sich das Leben niederschreibt, für niemanden lesbar und doch verewigt. saemulanz

"Der Herbsthimmel" acht Erzählungen. 

Fräulein Leuenberger

 Heute ist Frauentag. Der Tag von Fräulein Leuenberger. Der Kioskverkäuferin im Quartier. «Guten Tag, Frau Leuenberger.» «Fräulein Leuenberger», echote es zwischen den geöffneten Scheiben der Kioskfront im Parterre des Blocks. Sie war Fräulein Leuenberger, sie blieb Fräulein Leuenberger, obwohl sie schon über sechzig war. Sie war stolz, Fräulein Leuenberger zu sein. Sie war alleinerziehende Mutter. Hatte eine Tochter. Eine Fräulein Leuenberger. – «Guten Morgen, Frau Leuenberger.» «Fräulein Leuenberger.» Tag für Tag wiederholte sich dieses Spiel mit der Anrede… 

ISBN 978-3-347-29061-7 (Hardcover)

"Im Übrigen…" Blablaphorismen 1

Demut ist keine Tugend der Mächtigen, lehrt uns Cäsar.

Es lässt sich nicht alles denken, beschwert sich das Gehirn.

Schönreden macht eine schlechte Sache auch nicht besser, ermahnt der Richter den Verteidiger…

ISBN 978-3-347-29222-2 (Paperback)

"Ach, übrigens…" Blablaphorismen 2

…ein goldener Käfig bleibt ein Käfig.
…am Anfang ist selten etwas vollendet.
…wer sagt, dass er lügt, sagt meistens die Wahrheit.
ISBN 978-3-347-30205-1

Der Lumpensammler

saemulanz

Meistens am Vorabend der wöchentlichen Kehrichtabfuhr kreuzte er auf. Hinter vorgehaltener Hand riefen die Kinder «Lumpensammler» und folgten ihm mit grösserem Abstand. Sie fürchteten ihn. Er trug dunkle Kleidung, schwarze Lederstiefel, eine Schirmmütze, hatte ein furchiges unrasiertes Gesicht. Keiner wusste, wo er wohnte, einzig, dass er regelmässig vor der Kehrichtabfuhr und vor allem bei der Entsorgung des Sperrgutes in der Strasse auftauchte, war jedem bekannt. Er hatte ein leinenes Tuch an einen einachsigen Anhänger geknüpft hängte es über die linke Schulter ein und zog den mit Abfällen beladenen Anhänger hinter sich her. Seinem Blick entging nichts. Immer wieder fand er etwas, das es Wert war, dass er es auf seinen Anhänger packte. Sobald er den Wagen zog, wagten sich die Kinder etwas näher und schrien etwas lauter Lumpensammler. Das beirrte ihn nicht. In seinem dunklen furchigen unrasierten Gesicht zeigte sich keine Regung. Am Ende der Strasse überliessen die Kinder den Lumpensammler seinem Schicksal und freuten sich bereits auf die kommende Woche, um ihn wieder verfolgen und hänseln zu können. – Er kam nicht.

 

An den Mittagstischen im Quartier rätselte man, was wohl vorgefallen war. Es sei verunfallt, verstorben wurde gemunkelt. – Wochen später erfuhr man in der Zeitung vom…